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Demokratie braucht Minderheiten,
Transformation auch

Gabriele Wittendorfer

Armin Nassehi, Professor der Soziologie an der LMU München, hat sich in seinem 2023 veröffentlichten Werk über „Gesellschaftliche Grundbegriffe – Ein Glossar der öffentlichen Rede“ bereits im ersten Kapitel mit der Demokratie befasst. Genau wie Gabriele Britz beschreibt und erklärt er, warum Spannungen inhärenter Bestandteil demokratischer Ordnungen sind. Allein schon der Tatbestand, dass das Volk in dieser politischen Form über sich selbst herrscht, bringt eine grundlegende Spannung mit sich:

Wir sind gleichzeitig Herrscher und, vermittelt über die demokratischen Institutionen, Beherrschte.

Diese Konstellation zieht sich durch alle Herrschaftsstufen, vom Bundeskanzler über die Bürgermeisterin bis zum Erstwähler mit seinem passiven Wahlrecht. Armin Nassehi argumentiert analog zu Gabriele Britz, dass die Opposition ausschlaggebend für Demokratien sei. „Der positive Wert der Demokratie ist die Opposition, nicht die Regierung. Regierungen gibt es überall. Man kann fast sagen: Regierung ist trivial, wenn man die Macht hat. Herrschaft ist dann ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten. Nicht trivial ist die Institutionalisierung von Opposition …“ (*Nassehi, S. 34)

Effektive Regierungsarbeit zeigt sich im Umgang mit der Opposition.

Angst, Diffamierung, Ignoranz, Arroganz und auch Mauern sind keine Lösung. Sie zeigen nur eines: die Regierung ist nicht souverän. Konflikte haben eine integrative Wirkung. Aus dieser Perspektive betrachtet, besteht die Aufgabe einer Regierung darin, Konfliktformate für zentrale gesellschaftliche Auseinandersetzungen anzubieten – und die Konflikte dort auch auszutragen.

Zum Schein aufgesetzte Diskurs-, Dialog- oder Beteiligungsformate helfen weder in der Politik noch im Unternehmen. Und für diejenigen, die sich jetzt wundern, warum ich an dieser Stelle keine Unterscheidung zwischen politischen und ökonomischen sozialen Systemen mache: in Transformationszeiten spielt die Musik in der mikropolitischen Arena des Unternehmens.

Organisation der Vielfalt ist die Kompetenz der Stunde.

Wie gelingt Steuerung inmitten einer Transformation, für die charakteristisch ist, dass die Lösungen von gestern im Heute nicht mehr passen? Wie kann man sich an der Spitze das politische oder auch unternehmerische Entscheidungsmandat erhalten, wenn man keine umfassende Problemlösung anzubieten hat oder keine, die auf breite Akzeptanz stößt?

Zurückkommend auf das Interview mit Gabriele Britz in der Süddeutschen Zeitung vom 28. September 2026: Indem sie die Bedeutung und Konstruktion des Bundesverfassungsgerichts darstellt, beschreibt sie nach meiner Erfahrung zentrale Bedingungen für jede #transformatioNpractice:

Hier findet sich kein einziges Nein, aber ausreichend Stopp-Schilder, die sich im Verhalten und in den Institutionen widerspiegeln sollten. Wenn Akteure, egal ob in Unternehmen oder Parteien, eines dieser Kriterien negieren, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie das ihnen anvertraute soziale System in die Zukunft führen werden.

Führung in Transformationszeiten heißt nicht, alle Antworten zu kennen. Führung in Transformationszeiten heißt, unter Spannung ausreichend Konvergenz herstellen zu können.

#transformatioNpractice

 

*Quelle:
Armin Nassehi: „Gesellschaftliche Grundbegriffe – Ein Glossar der öffentlichen Rede“ (2023)

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