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Miteinander aus sozialer Distanz? Geht, muss aber gestaltet werden.

von Gabriele Wittendorfer

Alle sollen zukünftig viel häufiger im Homeoffice arbeiten, aber das gilt natürlich nicht für die Kolleg*innen aus der Produktion …

Ja, die virtuelle Montage ist in der Werkhalle genauso schwer vorstellbar wie auf der Baustelle. Aber:
Mixed Reality Technologien sind keine Science Fiction mehr. Jede Produktionsleitung muss sich damit beschäftigen. Aber auch die Leitungen von Krankenhäusern oder Sanitätsfachbetrieben könnten administrative oder Qualifizierungs-Aufgaben ins Homeoffice verlegen. Dafür braucht es Know-How, Budget und vor allem Vertrauen. Remote-Arbeiten und Remote-Weiterbildung gibt es dann auch für die Männer und Frauen, die ansonsten mit den Händen arbeiten. In der Produktion, im Gesundheitswesen, im Handwerk. Wer ständig vom Fachkräftemangel spricht, muss als Arbeitgeber*in auch Homeoffice Angebote für eben jene Arbeitskräfte machen.

Alle sollen zukünftig viel häufiger im Homeoffice arbeiten, aber das bedeutet noch mehr Last auf den Kolleg*innen, die Familie und Beruf managen müssen …

Wie wichtig ein verlässlicher Rahmen für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Kindern ist, haben
gerade Alleinerziehende oder Eltern mit mangelhaften Deutschkenntnissen in den letzten Monaten schmerzlich erfahren müssen. Niemand schickt sein Kind während einer Pandemie ohne Not zu einem schulischen Ersatzangebot. Aber Chancengleichheit ist kein Gedöns, sondern fundamental für unsere Zukunft. Was spräche dagegen, wenn HR nach dieser Erfahrung auf die Kommune des Betriebsstandorts zuginge und man gemeinsam ein krisensicheres Betreuungsangebot mit schulischer Förderung und flexiblen Öffnungszeiten organisierte? Die Grenze zwischen Familie und Beruf wird schließlich auch durch die tägliche 22 Uhr-Webkonferenz mit den südamerikanischen Kunden aufgehoben.

Alle sollen zukünftig viel häufiger im Homeoffice arbeiten, aber was machen Kolleg*innen, die in einer 2-Zimmer-Wohnung leben oder keine stabile Internetanbindung haben …

Mit Coworking verbinden wir Großstädte, wo weltweit urbane Freelancer nicht alleine arbeiten wollen, sondern die Bürogemeinschaft mit anderen suchen. Zukünftig könnte sich dieser Bedarf ausweiten: Warum soll eine IT-Fachkraft, die zuhause keine guten Arbeitsbedingungen hat, 50 km ins Open Office ihres Betriebs fahren anstatt direkt in ihrer Kleinstadt zu Fuß in das Coworking-Space in der ersten Etage des Bürgerhauses zu gehen? Auspendler-Kommunen könnten drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: tagsüber leerstehende Räume würden genutzt, der Verkehr reduziert und von der Mittagspause im Ort hätte auch die lokale Bäckerei etwas. Und auch die Unternehmen würden profitieren: die technische Infrastruktur ihrer Homeoffice Worker wäre z.B. verlässlicher als beim privat konfigurierten Router.

Alle sollen zukünftig viel häufiger im Homeoffice arbeiten, aber damit muss das Nebenbei-Lernen der Kolleg*innen, die noch nicht viel Berufserfahrung haben, gesondert organisiert werden …

Dass das Lernen nie aufhört und niemand sich auf den einmal erlernten beruflichen Kompetenzen ausruhen kann, wurde in den letzten Wochen anhand der Ad hoc-Einführung von Zoom, Teamviewer oder Microsoft Teams erneut klar. Selten hat man dagegen etwas gehört zu dem, was gerade zu Beginn der Berufsbiografie unglaublich wichtig ist: dem Lernen von der Erfahrung der Erfahrenen. Das sprichwörtliche „Über-die-Schulter-Schauen“ funktioniert auch bei virtuellen Schultern, muss aber organisiert werden. Da sich die Digital Natives oft leichter tun mit neuen Apps, Kollaborationsplattformen oder Kommunikations-IT, bergen generationsübergreifende Lernpartnerschaften zudem die Chance des gegenseitigen Voneinander-Lernens. Auf Augenhöhe.

Alle sollen zukünftig viel häufiger im Homeoffice arbeiten, aber dafür braucht es neue Formen der Unterstützung für Kolleg*innen, die heute schon burn-out gefährdet sind …

Burn-Out ist keine Mode, sondern ein psychischer Erschöpfungszustand. Er kommt schleichend und das auch im Homeoffice. Während es auffällt, wenn der Kollege immer noch im Büro ist, wenn man selbst das Licht ausmacht, braucht es beim virtuellen Zusammenarbeiten besondere Stress-Sensoren – für sich und die anderen. Hier ist das betriebliche Gesundheitsmanagement gefragt. Die Einführung von virtuellen Team-Reflexionen, die Sensibilisierung von Führungskräften, aber auch einen mit der Arbeitnehmervertretung verabredeten Prozess professioneller Interventionen, der entweder von den Betroffenen selbst oder von ihrer Führungskraft angetriggert werden kann, ist mindestens so wichtig wie die sichere VPN-Verbindung.

Alle sollen zukünftig viel häufiger im Homeoffice arbeiten, aber was heißt das für Menschen, die in Führungsfunktionen sind …

Egal, ob Vertriebs-Chefin oder Service-Leiter, beide sind es gewohnt, dass ihre Kolleg*innen oft bei Kunden sind. Jetzt aber ist niemand mehr da. Und das ist ein Unterschied, zumal sich die Situation b.a.w. nicht ändern soll. Wie groß muss der Unterschied erst für den Chef des Controllings sein? Homeoffice macht deutlich, was in professionellen Arbeitsumgebungen schon vorher galt: fürs Tagesgeschäft braucht man keine Führungskraft. Ausrichten und Einrichten, das allerdings bleiben Führungsaufgaben: Abzustimmen, wie die Corona-spezifischen Sonder-Reports aussehen sollen. Zu entscheiden, welcher Kunde angesichts der unterbrochenen Lieferkette noch bedient werden kann und was man den anderen als Kompensation anbietet. Und am Allerwichtigsten: Sicherzustellen, dass das Team nicht in lauter Einzelkämpfer*innen zerfällt – es gibt genug Aufgaben, auch für Führungskräfte im Homeoffice.

Alle sollen zukünftig viel häufiger im Homeoffice arbeiten, aber wie organisiert man den Zusammenhalt mit denen, die nicht (mehr) dazu gehören …

Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im 2. Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahr um 11,7% gesunken (Quelle: D_Statis). Diese Pandemie wird zusammen mit dem laufenden Strukturwandel einen Anstieg der Arbeitslosigkeit verursachen. Dabei wird – wie immer in Wirtschaftskrisen – auch der gesellschaftliche Zusammenhalt auf den Prüfstand kommen. Arbeit ist der wichtigste Integrationsfaktor, auch noch in post-industriellen Gesellschaften. Von der Teilung eines Arbeitsplatzes bis zur Einführung eines mit Nicht-Erwerbsarbeit verbundenen Bürgergelds gibt es viele Konzepte, die im Zusammenhang mit den neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung weit über das Homeoffice hinausgehen.

Aktuell stehen Fragen nach adäquaten Werkzeugen und nach gesetzlichen Regelungen für die neue
Arbeits-Normalität auf der Agenda. Zwischen den Zeilen geht es um die Nutzung der damit verbundenen Chancen, aber auch um die Aushandlung, welche damit einhergehenden Risiken wir in Unternehmen und in der Gesellschaft akzeptieren wollen. Gestaltung ist gefragt. Diese Krise hat viel Potential für eine Neuorganisation des sozialen Miteinanders. Oder für eine Vertiefung der Gräben.

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